ChatGPT, Claude oder Gemini — welches wofür
Die Frage kommt fast immer in derselben Form: „Welches soll ich nehmen?“ Und fast immer erwartet der Fragende einen Namen.
Den bekommst du hier nicht. Nicht aus Feigheit, sondern weil die ehrliche Antwort seit ungefähr einem Jahr eine andere ist: Bei den meisten Aufgaben ist der Abstand zwischen den drei Spitzenmodellen kleiner als der Abstand zwischen einer gut und einer schlecht gestellten Frage. Wo es doch einen klaren Unterschied gibt, liegt er selten dort, wo die Vergleichstabellen ihn suchen.
Das hier ist deshalb keine Rangliste, sondern eine Entscheidung nach Aufgabe — mit Stand-Datum, weil dieser Text ein Verfallsdatum hat.
In eigener Sache
Die Rohfassung dieses Textes ist mit Claude entstanden. Das gehört dazugesagt, bevor irgendwo steht, welches Modell was besser kann.
Zwei Dinge folgen daraus. Erstens steht hinter jeder Zahl eine Quelle, die du selbst aufmachen kannst — keine einzige stammt von einer Vergleichsseite, alle von den Preis- und Dokumentationsseiten der Anbieter oder von benannten Beobachtern. Zweitens kürt dieser Beitrag kein Modell zum Sieger. Wo ich eine Meinung habe, steht sie als Meinung da.
Und: Hier ist kein Provisionslink. Es gibt keine — OpenAI, Anthropic und Google betreiben schlicht keine Partnerprogramme. Was in diesem Fall angenehm einfach ist.
Was es gerade gibt
Was es gerade gibt
GPT-5.6 Sol
Spitzenmodell, Coding und Agenten
Wissensstand 16. Februar 2026 — alles danach weiß es nur, wenn es sucht.
GPT-5.6 Terra
Alltag
Das Modell, das im Gratis- und im Go-Tarif läuft.
GPT-5.6 Luna
Schnell und günstig
Claude Fable 5
Stärkstes Modell, lange Aufgaben
Braucht 30 Tage Datenspeicherung — unter Zero-Data-Retention nicht nutzbar.
Claude Opus 4.8
Coding und Agenten
Claude Sonnet 5
Alltag
Einführungspreis 2 / 10 noch bis 31. August 2026.
Claude Haiku 4.5
Schnell und günstig
Das einzige Modell im Feld ohne Millionen-Kontext.
Gemini 3.6 Flash
Arbeitspferd
17 % billiger in der Ausgabe als 3.5 Flash — Googles aktuelles Standardmodell.
Gemini 3.5 Flash
Vorgänger, weiter verfügbar
Gemini 3.5 Flash-Lite
Massenbetrieb
Der günstigste Ausgabepreis im ganzen Feld.
Gemini 3.1 Pro
Googles größtes Modell — weiterhin als Vorschau
Preis steigt ab 200.000 Token Prompt. Der angekündigte Nachfolger 3.5 Pro ist zwei Monate nach der Ankündigung noch nicht da.
Der Preis je Token sagt weniger, als er verspricht: die Modelle denken unterschiedlich lange, und diese Denk-Token stehen auf derselben Rechnung. Das billigere Modell kann die teurere Aufgabe sein.
Stand 24. Juli 2026. Listenpreise in US-Dollar, ohne Rabatte für Stapelverarbeitung oder Zwischenspeicher — die senken die Rechnung bei allen dreien deutlich. Vor jeder Entscheidung beim Anbieter selbst nachsehen.
Zwei Dinge fallen auf, wenn man das nebeneinander legt.
Das Kontextfenster ist als Argument tot. Zwei Jahre lang war „wie viel Text passt rein“ das stärkste Unterscheidungsmerkmal. Heute liegen alle drei bei rund einer Million Token — das sind grob 700.000 Wörter, also mehrere dicke Romane in einem Rutsch. Nur das kleinste Claude-Modell fällt mit 200.000 heraus. Wer heute noch nach dem Kontextfenster auswählt, entscheidet nach einem Kriterium, das die Anbieter längst abgeräumt haben.
Googles größtes Modell heißt seit Monaten „Vorschau“. Am 19. Mai kündigte Google auf der eigenen Entwicklerkonferenz ein Gemini 3.5 Pro an — „wird intern bereits benutzt“, Auslieferung „nächsten Monat“. Am 21. Juli, zwei Monate später, kamen stattdessen drei neue Modelle, und keines davon war 3.5 Pro. Googles stärkstes verfügbares Modell trägt weiterhin die Versionsnummer 3.1 und das Wort „Preview“ im Namen. Alles andere im Angebot ist ein Flash-Modell, also die schnelle, günstige Klasse.
Das ist kein Skandal, aber es ist ein Muster: Was angekündigt wird und was man buchen kann, sind bei allen dreien zwei verschiedene Listen.
Die Entscheidung nach Aufgabe
Code schreiben und lange, selbstständige Aufgaben
Hier ist es am umkämpftesten — und die Benchmarks widersprechen sich nicht, sie messen Verschiedenes.
Claude Opus 4.8 liegt bei SWE-Bench Pro (echte GitHub-Tickets) mit 69,2 % vorn. GPT-5.6 Sol setzt bei „Agents’ Last Exam“ mit 53,6 einen neuen Höchstwert und lässt Claude Fable 5 dabei deutlich hinter sich. Gemini 3.5 Flash meldet 76,2 % auf Terminal-Bench 2.1. Drei Prüfungen, drei Sieger.
Simon Willison, der alle drei täglich benutzt und seit Jahren nüchtern darüber schreibt, formuliert es nach dem GPT-5.6-Start so: Trotz der Rekordwerte sei ihm das Modell bei komplexen Coding-Aufgaben nicht als besser aufgefallen als Claude Fable.
Mein Rat: Entscheide hier nicht nach dem Modell, sondern nach dem Werkzeug drumherum — wie gut sich das Ding in deinen Editor, dein Terminal, deinen Ablauf einfügt. Die Modelle sind sich näher als die Umgebungen, in denen sie laufen.
Bild, Video, Ton
Der einzige Punkt mit einer klaren Antwort: Google.
Google ist der einzige der drei, bei dem Bild- und Videoerzeugung auf derselben Preisliste stehen wie die Sprachmodelle — Veo 3.1 ab 0,05 $ je Videosekunde, Imagen 4 ab 0,02 $ je Bild. Dazu kommt Gemini Omni, ein Videomodell, das über mehrere Runden im Gespräch bearbeitet werden kann und sich dabei merkt, worüber ihr vorher gesprochen habt.
Wenn dein Thema Medien sind, ist das keine knappe Entscheidung.
Lange Dokumente lesen und zusammenfassen
Egal. Wirklich egal. Siehe oben — alle drei nehmen mehrere hundert Seiten am Stück. Nimm das, was du ohnehin offen hast.
Viel Kleinkram, automatisiert
Gemini 3.5 Flash-Lite hat mit 0,30 $ Eingabe und 2,50 $ Ausgabe je Million Token den günstigsten Ausgabepreis im ganzen Feld — Faktor zwei bis drei gegenüber den kleinen Modellen der anderen beiden.
Aber Vorsicht mit dieser Rechnung, siehe den nächsten Abschnitt.
Wenn du sowieso schon bei Google wohnst
Der günstigste Einstieg im Feld ist Google AI Plus für 4,99 $ — mit 400 GB Speicher obendrauf. Und Googles 19,99-$-Tarif enthält YouTube Premium Lite.
Das ist der eigentliche Grund, warum Google bei Privatnutzern gewinnt, und er hat mit Modellqualität nichts zu tun. Wenn du Speicher und YouTube ohnehin zahlst, ist die KI dort rechnerisch fast geschenkt.
Wenn dir Datenschutz beruflich zählt
Ein Detail, das in kaum einem Vergleich auftaucht: Anthropics stärkstes Modell, Fable 5, verlangt 30 Tage Datenspeicherung und ist unter „Zero Data Retention“ gar nicht verfügbar. Wenn deine Kanzlei, Praxis oder dein Auftraggeber genau das vorschreibt, fällt das Spitzenmodell weg — und du landest bei Opus 4.8, nicht bei Fable.
Solche Zeilen stehen in den Entwicklerdokumenten, nicht auf den Produktseiten.
Was die Benchmarks verschweigen
Der Preis je Token ist als Vergleichsmaß kaputt. Die Modelle „denken“, bevor sie antworten, und diese Denk-Token stehen auf derselben Rechnung wie die Antwort. Ein Modell mit halbem Token-Preis, das dreimal so lange nachdenkt, ist am Monatsende teurer. Willison sagt genau das: Roher Preisvergleich je Token ist inzwischen irreführend. Wer wirklich wissen will, was ihn etwas kostet, muss seine eigene typische Aufgabe einmal durch alle drei schicken und die Rechnung ansehen — nicht die Preisliste.
Die Prüfungen werden von den Geprüften bewertet. Nachdem OpenAIs Modelle bei SWE-Bench Pro hinter denen von Anthropic lagen, veröffentlichte OpenAI eine Kritik an dieser Prüfung — Schätzung: rund 30 % der Aufgaben seien fehlerhaft. Das kann sachlich völlig richtig sein. Es ist trotzdem ein Zeuge in eigener Sache. Und dieselbe Vorsicht gilt in die andere Richtung: Wer eine Prüfung feiert, in der er vorne liegt, ist genauso befangen.
Und seit Juli 2026 entscheidet nicht mehr nur der Anbieter, wann ein Modell erscheint. GPT-5.6 wurde erst nach einer abgeschlossenen Prüfung durch eine US-Behörde — das Center for AI Standards and Innovation im Handelsministerium — für die breite Auslieferung freigegeben. Das sagt über die nächsten Jahre mehr aus als jede Prozentzahl in diesem Beitrag.
Was es kostet
Was es kostet
ChatGPT Go
8 € / Monat
Die günstige Mittelstufe. Läuft auf Terra.
ChatGPT Plus
23 € / Monat
Der Tarif, den die meisten meinen. Freie Modellwahl.
ChatGPT Pro
229 € / Monat
Für Dauerbetrieb und Sol-Reasoning ohne enges Limit.
Claude Pro
20 $ / Monat (17 $ bei Jahreszahlung)
Enthält Claude Code. Kein günstigerer Zwischentarif.
Claude Max
ab 100 $ / Monat (200 $ für 20×)
5× bzw. 20× die Nutzungsgrenze von Pro. Gleiche Modelle.
Google AI Plus
4,99 $ / Monat
Der günstigste Einstieg im Feld, inkl. 400 GB Speicher.
Google AI Pro
19,99 $ / Monat
Plus YouTube Premium Lite und Speicher — das Bündel ist das Argument.
Google AI Ultra
99,99 $ / Monat (199,99 $ für 20×)
5× bzw. 20× die Grenzen von Pro, 20 TB Speicher.
Stand 24. Juli 2026. OpenAI weist für Deutschland Euro-Preise aus, Anthropic und Google Dollar — deshalb stehen hier beide Währungen so, wie der Anbieter sie nennt.
Die Lücke, die auffällt: Claude hat keinen günstigen Zwischentarif. Es geht von gratis direkt auf 20 $. ChatGPT hat dafür Go für 8 €, Google AI Plus liegt bei 4,99 $. Wer regelmäßig, aber nicht beruflich mit KI arbeitet, findet bei Anthropic schlicht kein passendes Angebot.
Umgekehrt: Claude Pro enthält Claude Code, also das Programmier-Werkzeug, ohne Aufpreis. Für wen das relevant ist, der weiß es schon.
Warum dieser Text ein Verfallsdatum hat
Sieh dir an, wie schnell das geht.
OpenAI: GPT-5.1 im November 2025, 5.2 im Dezember, 5.4 im März 2026, 5.5 am 23. April, 5.6 am 9. Juli. Fünf Generationen in acht Monaten.
Google: Gemini 3.5 Flash am 19. Mai, Gemini 3.6 Flash am 21. Juli. Zwei Monate.
Was das praktisch heißt: Ein Jahresabo ist keine Wette auf ein Modell, sondern auf einen Anbieter — das Modell, für das du dich entschieden hast, gibt es in einem Jahr so nicht mehr. Anthropic wirbt mit 17 $ statt 20 $ bei Jahreszahlung; das sind 36 $ Ersparnis dafür, dass du dich zwölf Monate lang nicht umentscheiden kannst. In einem Feld, das alle acht Wochen ein neues Spitzenmodell ausrollt, ist das der schlechtere Handel.
Zahl monatlich. Das ist der praktischste Rat in diesem ganzen Beitrag.
Mein Fazit
Wenn du eines willst und nicht weiter nachdenken magst: Nimm das, dessen Oberfläche dir am wenigsten im Weg ist. Der Qualitätsunterschied wird deine Arbeit weniger beeinflussen als die Frage, ob du das Ding gern aufmachst.
Wenn du zwei bezahlen kannst, ist die sinnvollste Kombination nicht „das beste plus das zweitbeste“, sondern eines für Text und Code, eines für Medien — und dann liegt Google auf der zweiten Position ziemlich konkurrenzlos.
Und wenn du dich in drei Monaten wieder fragst, ob du richtig liegst: Dieser Beitrag wird dann aktualisiert sein. Der Versionsverlauf unten zeigt dir, was sich geändert hat.
Für die Werkzeuge um die Modelle herum — Bild, Video, Musik, Schnitt, Automatisierung — habe ich einen eigenen, laufend gepflegten Index mit 137 KI-Werkzeugen.
Quellen
Alle am 24. Juli 2026 geprüft.
- Preise der Gemini-API — Google, alle Modellpreise und Kontextfenster
- Gemini 3.6 Flash, 3.5 Flash-Lite und 3.5 Flash Cyber — Google, 21. Juli 2026
- Google veröffentlicht drei neue Gemini-Modelle — aber kein 3.5 Pro — TechCrunch, 21. Juli 2026
- Alle Ankündigungen der Google I/O 2026 — Google, 20. Mai 2026
- Googles KI-Abos — Google, Mai 2026
- Die neue GPT-5.6-Familie: Luna, Terra, Sol — Simon Willison, 9. Juli 2026, inkl. API-Preise und der Benchmark-Einordnung
- Tarife und Preise — Anthropic
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