Zehn Jahre, kurz erzählt
Ich hatte selten Zeit, mich zu erklären. Man trifft Leute, man arbeitet, man zieht weiter — und für den ganzen Kontext, warum man tut, was man tut, ist nie Platz. Diese Seite ist ein bisschen das Gegenteil davon: mein Versuch, einmal ehrlich anzufangen, mutig zu sein und die eigene Sache ernst zu nehmen, statt nach kurzen Wegen zu suchen.
Ich bin 29, in einem halben Jahr 30. Tagsüber fahre ich für die Flaschenpost aus, den Rest der Zeit baue ich an Projekten wie diesem hier. Das ist der Versuch, eine Dekade kurz zu erzählen — den Umweg, der sich langsam als roter Faden herausstellt.
Ein YouTube-Kind
Ich habe mit zwölf angefangen, Videos zu machen. Mit meinem Bruder und einem Samsung S1 haben wir Kurzfilme gedreht, ich habe Gameplays geschnitten, und ich habe früh begriffen, dass im Internet das ganze Wissen liegt, das man braucht. Schneiden, Bilder machen, Geschichten zusammensetzen — ich habe es mir einfach gezogen. Daraus wurde eine Art Obsession: möglichst jeden Skill zu lernen, den ich finden konnte. Irgendwann kam die Erkenntnis, dass man das, was man kann, auch zu Geld machen kann. Bei mir etwas früher als bei den meisten.
Viel zu früh in der Branche
Ich brauchte Geld, also bin ich erst als Komparse rein und dann bei einer Daily Soap gelandet, wo ich eine kleine Rolle gespielt habe. Irgendwann haben die gemerkt, dass ich auch drehen und schneiden kann und YouTube verstehe — und plötzlich war ich im Maschinenraum: erst in einem der ersten YouTuber-Netzwerke, wo ich gelernt habe, wie Marketing und Sponsoring-Deals funktionieren, dann in der Formatentwicklung einer Produktionsfirma. Da habe ich zum ersten Mal verstanden, dass das eine echte Arbeit ist — mit Konzepten, Deadlines und der Aufgabe, einem Sender etwas zu verkaufen. Diese Firma hat mir wahnsinnig viel beigebracht.
Dann ist mein Großvater gestorben, und das war ein Bruch. Plötzlich stand die Frage im Raum, was ich eigentlich mit meinem Leben mache. Ich bin für zwei Monate nach Südkorea, um meinen koreanischen Großvater zu besuchen — und kam mit dem Gefühl zurück, dass ich etwas anderes machen muss.
Regie, Schulden, ein Preis
Es folgten Jahre als selbstständiger Cutter. Ich habe eine unabhängige Doku mitgeschnitten — das größte Schnittprojekt, an dem ich wirklich schneiden gelernt habe. Ich habe für eine Marke die ersten TV-Spots produziert, richtig günstig und richtig gut: zum ersten Mal ein Werbe-Drehbuch recherchiert, mir überlegt, wofür Symbole stehen, alles auf die Farben der Marke gebaut. Es lief, ich durfte weitere Spots machen — und dafür sogar in Kapstadt arbeiten. Da habe ich gelernt, was es heißt, an einem größeren Set Regie zu führen.
Mit einem kleinen Team habe ich dann meinen ersten richtig guten Kurzfilm gemacht und damit einen Preis gewonnen; geholfen haben mir Leute, die ich aus der Branche kannte. Gleichzeitig hatte ich Schulden, weil ich nie gelernt hatte, mit Geld umzugehen. Ich habe ein VFX-Studium angefangen und nach drei Monaten abgebrochen. Danach habe ich erstmal in einer Tapas-Bar gekellnert und einfach gearbeitet.
Der Umweg über die Informatik
In der Freizeit habe ich angefangen, in Unity kleine Games nachzubauen — und zum ersten Mal wirklich Funktionen und Klassen geschrieben, statt nur an Website-Baukästen herumzuschrauben. Über C# bin ich in Python gerutscht, habe Bootcamps durchgezogen, Rätsel gelöst. Es hat einfach Spaß gemacht.
Der Schlüsselmoment war eine VFX-Messe in Stuttgart, mitten in der Marvel-Hochzeit. Am meisten fasziniert haben mich nicht die fertigen Effekte, sondern wie günstig und schnell man mit Pre-Visualizations plötzlich Dinge ausprobieren konnte — und ein Vortrag darüber, wie eine große Sportmarke Unity nutzt, um Schuhe zu designen. Ich habe jemanden gefragt, welches Tool man lernen sollte. Die Antwort: sowas wie Unity.
Erst dachte ich, ich studiere Game Programming. Dann habe ich zufällig einen Professor getroffen, der sagte: Wenn du nur Games bauen willst, komm zu uns — aber wenn du verstehen willst, wie die Sprache darunter funktioniert, studier Informatik. Genau das hat mich interessiert. Also bin ich nach Aachen gezogen. Das erste Semester war hart, meine Mathe-Vorgeschichte nicht gerade glänzend. Aber ich saß in der Bibliothek, habe es probiert, und es hat geklappt.
Informatik ist übrigens nicht das, was die meisten denken. Es geht nicht darum, den ganzen Tag zu coden. Es ist das Studium davon, wie Systeme funktionieren und wie man Dinge baut, automatisiert und beweist. Genau das wurde später mein wichtigster Skill. Für die Bachelorarbeit habe ich in Unity einen eigenen Browser für VR gebaut und in einer Studie mit 24 Teilnehmern getestet: beim Wiederfinden von Informationen über mehrere Tabs war er 24 % schneller als der damalige Standard-Browser.
Vier Tage
Während ich die Bachelorarbeit schrieb, kam Midjourney heraus. Vier Tage nachdem ich sie abgegeben hatte, kam die erste Version von ChatGPT. Dieser Moment hat mein Leben verändert. Ich hatte mich im Studium schon mit neuronalen Netzen und Reinforcement Learning beschäftigt — ich wusste ungefähr, wohin das geht. Aber es plötzlich in der Hand zu haben, war etwas anderes. Ich habe ein letztes, schweres Fach in einer Woche eingeschlossen mit ChatGPT gelernt und bestanden. Das war damals alles noch buggy und weit von heute entfernt — aber allein der Fortschritt seitdem zeigt, wohin die Reise geht.
Gegen Ende des Studiums habe ich in Aachen mit Freunden einen kleinen Coworking-Space aufgemacht — eine leerstehende Ladenfläche, Kaffeemaschine, Tische, WLAN. Da habe ich zum ersten Mal mit lokalem Marketing experimentiert und gemerkt, wie gut man mit Instagram-Stories Leute in einen echten Laden zieht. Dann ist einiges auf einmal zusammengebrochen, auch eine Beziehung, die das ganze Studium gehalten hatte. Ich hatte etwas Geld gespart. Ich bin nach Thailand.
Thailand
Mit Thailand hatte ich schon lange eine Geschichte. Ich mache Kampfsport, seit ich drei bin, habe mit 14 den schwarzen Gurt im Taekwondo gemacht und nie wirklich aufgehört. Mit 19 war ich das erste Mal dort, einen Monat in einem Thai-Box-Camp außerhalb von Chiang Mai. Diesmal bin ich länger geblieben, habe Muay Thai trainiert und meinen ersten Kampf bestritten — und nach Punkten gewonnen. Kurz darauf hatte ich eine heftige Verletzung, die schlimmste, die ich je hatte. Sie hat mich im wahrsten Sinne gehumbled.
Parallel habe ich an Mindset gearbeitet — angefangen als kleine App, mit der Freunde ihren echten Fortschritt teilen, später eine Marke rund um Kampfsport, das Thema, das ich liebe. Ich habe angefangen, täglich Reels für die Fighting-Community zu posten, und irgendwann ist das durch die Decke gegangen: erst hundert Follower, dann tausend, dann über Nacht tausende, im Peak 20 Millionen Klicks am Tag. Ich habe E-Books geschrieben, mit KI ganze Markenwelten gebaut, Produkte aus aller Welt bestellt. Vieles hat halb funktioniert und mich genauso oft frustriert — die KI ist nach vorne gesprungen, aber das Gebaute lief oft einfach nicht. Ich habe viel Geld und unzählige Tokens verbrannt.
Ich habe dabei eine Menge gelernt, was ich nie auf dem Schirm hatte: internationale Zahlungswege, weil meine Zuschauer zu großen Teilen aus Indien kamen und mit normalen Karten nicht bezahlen konnten. LLCs, Verifikationen, Permits. Und etwas, das mich bis heute beschäftigt: dass man manchmal daran gehindert wird, etwas zu kaufen, nur weil eine dritte Instanz dazwischensteht und Nein sagt. Da habe ich angefangen, Krypto wirklich zu verstehen.
Die wichtigste Lektion war aber eine andere: Nicht jeder versteht, was du siehst. Und das ist okay. Es ist keine kurzfristige Entscheidung — es ist ein Projekt, das ich mein Leben lang verfolgen werde.
Was mit KI wegfällt
Irgendwann ist mir etwas klar geworden. Das Problem ist selten, dass Leute deine Vision oder deine Arbeit nicht verstehen. Das Problem ist, dass das Umsetzen — programmieren, sortieren, strukturieren, schreiben, schneiden — mühsame, langsame, oft langweilige Arbeit ist, und nur wenige sind bereit, diese Zeit aufzubringen. Bei einer Website ist es der Code. Bei einem Film ist es der Schnitt. Bei allem ist es dieser zähe Teil.
Genau der fällt jetzt weg. Was bleibt, sind Ideen, Kontext und die Frage, was man eigentlich erreichen will. KI baut nichts von allein. Sie braucht Input, einen Sinn, eine Dringlichkeit — genau wie du. Sie spiegelt nur, was du selbst hineingibst.
Für jemanden wie mich, dessen Kopf ständig voller Ideen ist und dem alle immer gesagt haben, er solle sich auf eine Sache konzentrieren und sie zu Ende bringen, ist das eine ziemliche Befreiung. Die zähe Fleißarbeit, die ich früher als Einziger selbst zusammenfrickeln musste, kann ich jetzt teilen. Intelligenz ist nicht mehr die Ausrede. Es wird immer mehr eine Frage von „mit wem” statt „wie”.
Jetzt
Heute fahre ich für die Flaschenpost aus. Das ist das genaue Gegenteil von zwei Jahren im dunklen Raum vor dem Rechner, und es tut mir gut: jeden Tag acht Stunden etwas Körperliches, wieder unter Menschen sein, Geschichten sammeln. Ich mag den Job. Und nebenbei baue ich genau diese Projekte auf — weil ich wieder mehr Leuten helfen will, mit den Skills, die ich habe.
Ehrlich gesagt war ein großer Teil dieser Dekade auch dunkel. Vieles ist zerbrochen, mein Ego am meisten. Aber ich habe das Gefühl, dass mit diesen neuen Werkzeugen eine neue Dekade anfängt, in der ich die Träume, die unterwegs zerbrochen sind, endlich umsetzen kann.
Was ich wirklich will, ist gar nicht kompliziert: mehr in der Sonne sein, schöne Sachen mit meiner Familie machen, weniger im Dunkeln sitzen. Irgendwann ist mir aufgefallen, dass am Ende alle nur in Ruhe essen und schlafen wollen, ohne sich zu sorgen. Wir sind als Menschen noch sehr von Angst getrieben. Wenn ich eine Mission habe, dann die, Leuten ein bisschen von dieser Angst zu nehmen — und ihnen zu zeigen, wie man sich heute seine eigene Sache aufbaut. Für jeden.
Über Regie, und KI als Kamera
Zwischen 17 und 20 habe ich mich an dreizehn Filmhochschulen als Regisseur beworben und dreizehn Absagen bekommen. Fast alle sagten: Die meisten machen ihren ersten Film mit 31 oder 32, warte ab, lebe erst. Ich war ungeduldig und verstand es nicht. Heute verstehe ich es. Ich habe das Schauspiel pausiert und zehn Jahre lang einfach gelebt — weil man wohl erst leben muss, bevor man Geschichten erzählen kann.
Die Liebe zur Regie ist mir geblieben, und die zum Schauspiel kommt langsam zurück. Sie hatte stark gelitten, weil ich dachte, ich werde durch KI ersetzt und bin nichts mehr wert; ich war auch von Leuten umgeben, die ein Interesse daran hatten, dieses Gefühl zu verstärken. An diesem Selbstwert musste ich arbeiten. Inzwischen sehe ich es anders: KI ist im Grunde nur eine weitere Kamera, ein weiterer Pinsel. Ich hatte sie eine Weile als Ausrede benutzt, nichts zu machen. Jetzt habe ich zum ersten Mal das Gefühl, dass ich erzählen kann, was ich will — ohne mich zu verstellen, ohne jemandem nach dem Mund zu reden.
Christopher Nolan hat mal gesagt, die Aufgabe sei, komplexe Themen einfach zu erzählen. Genau das versuche ich — in Filmen, im Code, und eigentlich überall.
Zum Schluss
Dieses ganze Projekt hier ist auch eine Art Selbst-Sortierung. Vielleicht ist es fast ein Tagebucheintrag. Aber es sind Sachen, die ich mit jedem teilen würde, der sie wissen will. Deshalb stehen sie jetzt hier.
Wenn du bis hierher gelesen hast: danke. Und wenn du ein cooles Projekt hast — schreib mir.